In Memoriam Karl-Heinz Gratt

Diese Ausstellung ist unserem Fotofreund Karl-Heinz-Gratt gewidmet, der im Oktober 2010 verstorben ist.

Nähert man sich dem großen fotografischen Werk von Karl-Heinz Gratt, so fallen auf den ersten Blick die wohltuenden, ja fast beschaulichen Motive auf. In Zeiten größter Bilderflut und unzähliger visueller Eindrücke, können unsere Augen hier endlich zur Ruhe kommen und sich erholen. Auf seinen Schwarzweiß-Photographien überwiegt die Einfachheit und Stille, die unserer heutigen Zeit so sehr fehlt. Sie laden uns ein, für einige Minuten innezuhalten, das vorgegebene Tempo herunterzufahren und sie intensiv zu betrachten, um uns an den Motiven in aller Ruhe zu erfreuen. Karl-Heinz war ein Meister der Entschleunigung.
Er hatte ein unverkennbares Interesse an unterschiedlichsten Objekten, Formen und Strukturen, die er virtuos mit seiner Kamera einfing. Karl-Heinz war ein überaus ambitionierter, ernsthafter und unermüdlicher Fotograf, mit einem sensiblen Blick für faszinierende Bildobjekte, die er vor allem in der Natur und Architektur fand. Er nahm die Schönheit, von der wir umgeben sind, sehr bewusst wahr, gerade auch diejenige des scheinbar Nebensächlichen, an welcher viele Menschen häufig achtlos vorübergehen und stellte diese in den Mittelpunkt seiner ausdrucksvollen Photographien. Durch den Anblick seiner Werke wird das Augenmerk des Betrachters behutsam auch auf die Ästhetik der alltäglichen Dinge gelenkt. So darf man die Arbeiten von Karl-Heinz durchaus als etwas Bildendes interpretieren, lehren sie doch so manchen Sehenden Schönheit zu erkennen, wo er vorher keine sah und mit offenen Augen und bewusster Wahrnehmung seine Umgebung zu erleben.
Karl-Heinz bevorzugte sparsame Kompositionen; oftmals sind es nur wenige Bildelemente, die er meist nach den Regeln klassischer Harmonie so gekonnt und stilsicher anordnete, dass sich immer wieder ganz neue, ungewohnte Sichtweisen ergaben. Sie verblüffen den Betrachter, weil sie zwar minimalistisch inszeniert, doch effektvoll und komplex in ihrer Aussage sind.
Dabei machte er es sich nie einfach, sondern fotografierte bei Wind und Wetter, dann, wenn andere die Kamera aus Bequemlichkeit weggelegt hatten. So entstanden einprägsame Landschaftsbilder voller emotionaler Kraft. Niemals ließ es Karl-Heinz mit einem „Foto des ersten Eindrucks“ bewenden, sondern er setzte sich mit den gefundenen Objekten äußerst intensiv auseinander, bis er sie schließlich so erforscht hatte, dass er ihnen einen eigenen fotografischen Ausdruck mitgeben, ja teilweise ihnen sogar eine neue Identität verleihen konnte, die seiner subjektiven Empfindung entsprach. Er arbeitete dabei regelrecht mit seinen entdeckten Motiven, ohne dass seinem fotografischem Resultat die vorangegangenen, künstlerischen Anstrengungen während der Bildfindung anzumerken wären. Viele seiner Photographien sehen trotz ihrer Schönheit und Raffinesse so beiläufig entstanden aus, dass man sich unwillkürlich fragen muss, warum andere Fotografen dieses scheinbar einfache Motiv nicht vor ihm gesehen und ebenso gekonnt fotografiert haben. Mit seiner hohen visuellen Sensibilität und fotografischen Ausdruckskraft gelang es Karl-Heinz beinahe, tote Materie zum Leben zu erwecken, ihr quasi ein Gesicht zu schenken. Beispielhaft seien hier seine „Hausgesichter“ erwähnt, bei denen man gelegentlich den Eindruck hat, man schaue tatsächlich in das Antlitz eines Menschen und nicht nur auf gewöhnliches Mauerwerk.
Karl-Heinz Gratt war ein stiller Beobachter von menschenleeren Szenerien. So war es kein Wunder, dass ihn die nordischen Landschaften mit ihrer oftmals melancholischen Grundstimmung besonders fasziniert hatten. Insbesondere bei den von ihm bevorzugten Motiven der Küstenlandschaften hatte es Karl-Heinz zu einer Meisterschaft gebracht, die ihresgleichen sucht. Tausendfach fotografierte Motive also, doch gelingt es ihm immer wieder, diesen Ansichten mit seiner fotografischen Handschrift eine ganz besondere Anmutung zu verleihen. Seine Photographien, so scheint es, sind geprägt von dem Streben nach dem „Wahren, Schönen, Guten“. Oftmals sind es Bilder voller Tiefe und Melancholie, aber stets auch von einer Klarheit, die die Schwere konterkariert und damit aufhebt.
Karl-Heinz vermied in seinen Photographien jede vordergründige Effekthascherei zu Gunsten einer stillen und unaufdringlichen Bildaussage. Trotz ihrer Ernsthaftigkeit weisen seine Bilder immer wieder auch einen hintergründigen Humor auf, etwa, wenn er die Objekte zu Subjekten macht, sie so gekonnt fotografiert als lebten und kommunizierten sie miteinander.
In der Tradition der großen fotografischen Altmeister, beispielhaft seien hier Weston, Strand, Adams, Sander und vor allem der von ihm verehrte Robert Häusser genannt, war Karl-Heinz Gratt der klassischen Fine-Art-Photographie verpflichtet: In einem aufwändigen Arbeitsprozess, bei dem jeder einzelne Schritt, von der Aufnahme über die Entwicklung des Films bis zur Vergrößerung auf Baryt-Papier nach allen Regeln der fotografischen Kunst erfolgt, entstanden Bilder von zeitloser Schönheit, die jenseits aller fotografischen Trends und Modeerscheinungen Bestand haben werden.

Mit Hochachtung vor seinem fotografischen Lebenswerk werden wir uns an unseren Fotofreund Karl-Heinz Gratt erinnern und ihn in Ehren halten. Und mit größtem Respekt, insbesondere wenn wir uns vergegenwärtigen, welch großartige Aufnahmen er noch in den letzten Monaten seines Lebens vom Rollstuhl aus gemacht hat. Karl-Heinz hinterlässt eine Lücke, die nicht geschlossen werden kann.





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